Texte & Poetry

Wir Menschen sind doch soziale Tierchen

Seit ich mich erinnern kann, habe ich mich über uns Menschen gewundert. Darüber, wie oft wir etwas anderes sagen, als wir uns tatsächlich wünschen. Über die Schwierigkeit, auch dann entspannt zu sein, wenn ein anderer Mensch anderer Meinung ist. Über die menschliche Tendenz, alles sehr schnell sehr persönlich zu nehmen, so als ob sich die ganze Welt nur um das eigene Selbst dreht…

Und zum Teil stimmt das ja auch: Wir haben in erster Linie eine individuelle Sicht auf alles. Jede kleine Kurve in der Biographie, lässt eine scheinbar persönliche Wirklichkeit entstehen, jede Körperhaltung formt eine Perspektive, jede Emotion färbt den Alltag, und die Denkart einer Großmutter prägt uns vielleicht bis heute.

Das heißt, meine Welt ist nicht unbedingt deine Welt. Das, was für dich »normal« ist, kann für mich gänzlich unbekanntes Terrain sein. Dazu kommt, dass wir uns häufig selbst das größte Rätsel sind. Und genau das ist oft der Antrieb, weshalb wir so zwanghaft um uns kreisen. Denn, solange wir uns suchen, brauchen wir die Illusion einer eigenen Persönlichkeit und ihrer Geschichte. Stell dir vor, da wäre niemand, der sich aufregt, niemand der sich verletzt fühlt. Existieren wir dann überhaupt?

Der Stolperstein der Egozentrik ist folgender: Es bleibt kaum Aufmerksamkeit für andere Menschen, für neue Sichtweisen und für alternative Wirklichkeiten. Anstatt uns zu finden, bleiben wir in altbekannten Gewohnheiten gefangen. Wir verpassen den Austausch, die Fehler und die Überraschungen, die wir brauchen, um uns und Andere wirklich kennenzulernen. Egozentrik ist im Grunde ein Ausdruck von Hilflosigkeit, die sich selbst als Sicherheit empfindet und meist in Langeweile endet.

Klar, es gibt auch Dinge, die wir am besten für uns allein lernen. Ebenso können wir unendlich Wertvolles von Pflanzen, von Tieren, vom Wind oder vom Wasser lernen. Doch das irritierende Spektrum menschlichen Verhaltens, das lernen wir am besten im Kontakt mit anderen Menschen.

Zeichnung: Katrin Pauline Müller

Seit ich mich erinnern kann, bin ich neugierig auf menschliche Wesen, auf menschliches Spüren, menschliches Fühlen, menschliches Verhalten und menschlichen Ausdruck. Auch deshalb, weil mir diese Welt lange fremd und seltsam erschien. Als gute Beobachterin habe ich viel Zeit damit verbracht, meine Mitmenschen aus der sicheren Distanz zu erleben, denn in dieser Rolle konnte ich Menschen und ihre Abgründe spüren, ohne mich selbst groß zu involvieren.

Mich selbst menschlich zu fühlen, mit allen Irritationen und Glücksmomenten, das habe ich mich erst später getraut. Und bis heute verfeinere ich meine Fähigkeit, innerlich durchlässig und beweglich zu sein, damit ich mich überhaupt vom menschlichen Chaos ergreifen lassen will. Je weicher ich bin, desto voller bin ich involviert und desto leichter fällt es mir, die Erfahrung wieder loszulassen. Dazu gehört auch, mich selbst und Andere so sein zu lassen, wie wir eben sind.

Intimität geschehen lassen

Manchmal, wenn sich alle Anwesenden sicher genug fühlen, um ehrlich zu sein, dann gibt es einen magischen Moment: Die Neugier auf das Unbekannte wird stärker als das Bestreben nach der eigenen Sicherheit, das Vertrauen tritt an die freigewordene Stelle und öffnet die engen Grenzen der eigenen Wirklichkeit Und siehe da, anstatt dass wir uns auflösen wie Rauch in der Luft, werden wir greifbar für unser Gegenüber und damit auch für uns selbst. Mit dem Eintauchen in echten Kontakt, machen wir uns das Geschenk der Menschenliebe und im Universum erklingt eine Melodie, auf die der gesamte Kosmos zu warten schien.

In einer Welt, die es darauf anlegt, dass Menschen sich bekämpfen und sich immer weiter voneinander entfernen, ist Wahrhaftigkeit ein mutiger Akt. Im Grunde braucht es so wenig, dass wir uns öffnen, uns sehen und uns gegenseitig akzeptieren. Doch diese Magie die aus einem offenen Herzen entsteht, die bewegt die Welle, welche unsere Vergangenheit befreit und unsere Zukunft heilt.

(Veröffentlicht am 16.04.2022 auf Matristische Moderne via Steady)

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